Sufismus
Der Sufismus ist die mystische Strömung des Islam, die im 8. und 9. Jahrhundert aus asketischen Bewegungen hervorging. Zu ihren Übungsformen gehören das wiederholte Sprechen von Gottesnamen und eine Dankbarkeitspraxis, die den Tag durchzieht.
Dankbarkeit unabhängig von der Lage
Shukr ist keine Reaktion auf gute Umstände, sondern eine Grundhaltung, die auch dann geübt wird, wenn gerade wenig dafür spricht.
Feste Punkte im Tag
Vor dem Essen, beim Aufwachen, beim ersten Atemzug: Die Formeln hängen an Momenten, die ohnehin täglich vorkommen und deshalb keine Disziplin verlangen.
Der Sehnsucht folgen dürfen
Was dich so beschäftigt, dass die Zeit verschwindet, gilt hier nicht als Ablenkung, sondern als Spur. Man darf sich davon ziehen lassen.
Was Sufismus ist
Sufismus ist keine eigene Religion und keine Abspaltung, sondern die mystische Innenseite des Islam: der Versuch, die Nähe zum Göttlichen nicht nur zu glauben, sondern zu erfahren. Der arabische Name der Bewegung wird meist auf das Wort für Wolle zurückgeführt, nach den schlichten Gewändern der frühen Asketen.
Was diese Tradition für den Alltag beisteuert, ist bemerkenswert konkret. An erster Stelle steht die Dankbarkeit, und zwar in einer besonderen Bauart: als Formel, die viele Male am Tag gesprochen wird, jedes Mal für etwas Bestimmtes. Das ist kein Ritualismus, sondern genau der Mechanismus — Aufmerksamkeit wird umgelenkt, indem sie regelmäßig umgelenkt wird. Wer täglich zwanzigmal einen konkreten Anlass sucht, sieht anders auf seinen Tag als jemand, der einmal im Jahr dankbar ist.
Das zweite Element ist die Sehnsucht. Das berühmteste Bild dafür ist die Rohrflöte, die klagt, weil sie vom Schilfrohr getrennt wurde — die Trennung ist der Grund für den Ton. Übertragen heißt das: Das Ungenügen, das man ständig spürt, ist kein Fehler im System, sondern der Hinweis auf etwas. Diese Umdeutung ist der eigentliche Beitrag des Sufismus zu dieser Sammlung, weil sie einer sehr verbreiteten Erfahrung eine andere Richtung gibt.
Ursprung
Die Anfänge liegen im 8. und 9. Jahrhundert, in einer Bewegung von Asketen, die dem wachsenden Reichtum der islamischen Reiche eine bewusst schlichte Lebensweise entgegensetzten. Aus dieser Askese wurde im Lauf der Jahrhunderte eine eigene Erfahrungslehre mit einem ausgearbeiteten Weg aus Stationen und Zuständen.
Das 12. und 13. Jahrhundert gilt als Blütezeit. In dieser Zeit entstanden die großen Orden, die den Weg institutionell weitergaben, und die Dichtung, die den Sufismus über die Grenzen des Islam hinaus bekannt machte. Persisch wurde dabei zur wichtigsten Sprache dieser Literatur — bis heute stammt der meistgelesene Dichter der englischsprachigen Welt aus dieser Tradition, was für sich genommen bemerkenswert ist.
Neben der Dichtung entwickelte der Sufismus eigene Praxisformen: das wiederholte Sprechen von Gottesnamen, Musik und Gesang als Weg in die Versenkung, und in einem Orden der drehende Tanz, der bis heute als Bild für diese Tradition steht.
Ein Hinweis zur Vorsicht gehört dazu: Die westliche Rezeption hat aus dieser Tradition vor allem Gedichtzeilen übernommen und dabei ihren religiösen Rahmen meist weggelassen. Manche der populärsten Zitate sind freie Nachdichtungen ohne Entsprechung im Original. Die Pings dieser App halten sich deshalb an Praxisformen — Formeln, Zeitpunkte, Haltungen — statt an Zitate.
Schlüsselfiguren in den Friendly Pings
In den Deep Dives dieser Gruppe kommt vor allem eine Stimme vor — daneben stehen Praxisformen, die keiner einzelnen Person zugeschrieben werden.
Rumi1207–1273
Persischer Dichter und Sufi. Sein Gedicht vom Gästehaus — jedes Gefühl ist ein Gast, kein Bewohner — steht wörtlich hinter einem der meistgenutzten Pings dieser Bibliothek.
Bild: Hossein Behzad · Public domain · Wikimedia Commons
Diese Auswahl folgt der App, nicht der Tradition: Es sind die Menschen, die in den Deep Dives der Friendly Pings namentlich vorkommen — geordnet danach, wie oft. Eine Tradition von Jahrhunderten lässt sich mit einer Handvoll Namen nicht abbilden, und das ist hier auch nicht der Anspruch.
So sieht das aus
Der ganze Text steht schon auf dem Sperrbildschirm. Wer tippt, landet hier — die Deep Dives lassen sich scrollen.
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Heute, 07:15
Ich sage Alhamdulillah für eine ganz bestimmte Sache in diesem Moment.
Hintergründe'Alhamdulillah' ('Alles Lob gebührt Gott') ist im Islam ein Ausdruck der Dankbarkeit in jedem Moment – in der Leichtigkeit und in der Schwere gleichermaßen. Dankbarkeit ist hier keine Reaktion auf gute Umstände, sondern eine grundlegende Haltung, die die Augen öffnet für das, was überhaupt gegeben wurde. Die Forschung der Positiven Psychologie bestätigt, was die Tradition lange wusste: Das bewusste Benennen von Dankbarkeit verschiebt die Aufmerksamkeit von Mangel zu Fülle.
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Heute, 09:40
Ich beginne den Tag mit einem dankbaren Atemzug dafür, hier zu sein.
HintergründeDer Sufi-Dichter Rumi eröffnet das Masnavi mit dem Bild der Rohrflöte, die aus Trennung weint – die Sehnsucht nach dem Ursprung, die jedem Atemzug innewohnt. In der islamischen Praxis beginnt die Fatiha, rezitiert zu Beginn jedes Gebetszyklus, mit 'Alhamdulillah' – alles Lob gehört Gott. Der Morgen ist im Sufi-Verständnis eine kleine Auferstehung: Jedes Erwachen ist ein ungebetenes Geschenk, das nicht garantiert war. Der persische Dichter Hafiz schreibt, darüber 'erstaunt' zu sein, die Existenz wieder zu empfangen. Das ist keine Verpflichtung, sondern Ausrichtung: Den Tag nicht mit einer Agenda zu beginnen, sondern mit der Anerkennung, dass Existenz selbst – Atem, Licht, Wärme – bereits das Ding ist.
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Heute, 12:30
Ich halte inne, bevor ich esse. Ein dankbarer Atemzug für das Essen.
HintergründeBasmala – 'Bismillah ir-Rahman ir-Rahim' (Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Mitfühlenden) – ist der Satz, der im islamischen Brauch vor dem Essen gesprochen wird, eines der ältesten kontinuierlichen Vor-dem-Essen-Rituale der Welt. Das japanische 'Itadakimasu' (Ich empfange demütig), die christliche Tischgebete, das buddhistische Mahlzeit-Gatha – über Traditionen hinweg dient die Pause vor dem Essen demselben Zweck: ein Moment der Anerkennung vor dem Verzehr. Physiologisch löst die Pause die kephale Phase der Verdauungsreaktion aus – die Produktion von Speichel und Magensäure in Erwartung von Nahrung – was die Verdauung messbar verbessert. Kontemplativ rahmt es Essen von automatischem Konsum zu bewusstem Empfang um: Die Mahlzeit erschien nicht aus dem Nichts. Jemand hat sie angebaut, transportiert, zubereitet. Ein Atemzug erkennt die Kette an.
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Heute, 15:05
Ich lasse mich still von dem ziehen, was ich wirklich liebe.
Hintergründe„Lass dich still von dem seltsamen Sog dessen ziehen, was du wirklich liebst“, schrieb der Sufi-Dichter Rumi. „Er wird dich nicht in die Irre führen.“ Es gibt Tätigkeiten, die dich so vollständig einnehmen, dass die Zeit verschwindet — keine Zukunft, nach der du greifst, keine Vergangenheit, die du trägst, nur dies. Die Psychologie hat diesen Zustand später Flow genannt und ihn zu den verlässlichsten Quellen menschlichen Glücks gezählt. Doch du kanntest ihn längst, bevor er einen Namen hatte: Als Kind war es einfach das, was du getan hast, stundenlang, ohne jeden Grund. Im Erwachsenwerden verschüttet es sich unter Terminen und To-do-Listen. Heute ist es feiner — aber es ist nicht fort. Horche nach innen, und du kannst den Sog noch spüren. Das ist die Richtung, in die dein Leben dich leise bittet zu gehen.
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